Buchtipp: Marcel Reich-Ranicki „Mein Leben“
22 November 2006 at 19:03 | In Buchtipp | Leave a Comment
Nein, man muss ihn nicht lieben, aber man sollte ihn lesen. Denn die Autobiografie des jüdischen Literaturpapstes (sic) liest sich streckenweise spannend wie keine andere Lebensgeschichte – abgesehen vom ersten Kapitel, in dem MRR so ziemlich jedes Theaterstück beschreibt, dass er in Berlin gesehen hat. Der zweite Part schildert die Über-Lebenszeit im Warschauer Ghetto, die Marcel Reich und seine Frau „aus Zufall“ überleben. Ein drittes Kapitel ist, sehr aufschlussreich, der Zeit nach dem Krieg in Polen gewidmet, wo MRR zum ersten Mal, wenn auch stalinistisch begrenzt, seine „portative Heimat“ die deutsche Literatur, vorstellen, beschreiben und kritisieren kann. Die Flucht nach und das Leben im Nachkriegs-Deutschland macht Teil Nummer vier aus, vielleicht das interessanteste Kapitel. Hier trifft MRR nahezu jeden namhaften Schriftsteller und Dramatiker – auch die, die damals noch keinen bekannten Namen hatten. Es liest sich heute wie ein Who-is-who der deutschen Nachkriegsliteratur. Der letzte Teil reicht fast bis in die Gegenwart, beginnt mit dem unheimlichen Zusammentreffen mit Albert Speer auf einer Party und endet mit der Schlussstrich-Rede Martin Walsers in der Frankfurter Paulskirche 1998. Alle Autoren, die MRR in ihrer Eitelkeit verletzt hat, das sind nicht wenige, und die vielleicht insgeheim auf billige Rechtfertigungs-Prosa gehofft hatten, werden von MRR enttäuscht: seine Autobiografie ist ehrlich, fesselnd, glänzend geschrieben und stellenweise sogar selbstkritisch. Allein dafür lohnt es sich, das Buch über sein Leben zu lesen. Danach wird man ihn vielleicht nicht lieben, aber zumindest besser verstehen. /// Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben (dtv), 565 Seiten, 9,50 Euro.
Buchtipp: Günter Grass „Beim Häuten der Zwiebel“
25 August 2006 at 10:47 | In Buchtipp | Leave a Comment
Das späte Eingeständnis seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS hat das Erscheinen dieses Buches zum Event gemacht. Mit etwas Abstand zu den zum Teil sehr heftigen Reaktionen, lesen sich die ersten Erinnerungen von Günter Grass spannend, ironisch, und überaus selbstkritisch. Sie umfassen die Zeitspanne vom „Ende seiner Jugend“, die Grass auf den Ausbruch des 2. Weltkriegs am 1. September 1939 datiert, und in Danzig unmittelbar erlebt, und reichen bis zum Erscheinen seines bis heute bekanntesten Romans „Die Blechtrommel“ 1958. Wer wissen will, wo der Literaturnobelpreisträger Grass die Vorlagen für seine Romanhelden und Stoffe gefunden hat, wird in diesem sehr lesenswerten Buch schnell fündig. Ich kenne niemand, der mit der deutschen Sprache so umgehen kann, wie Günter Grass. Das gilt für seine Romane ebenso, wie für die Häutungen der Zwiebel.
Buchtipp: Patrick Süßkind „Das Parfum“
1 Juni 2006 at 15:40 | In Buchtipp | Leave a Comment
Jean-Baptiste Grenouille wird 1738 als unehelicher Sohn einer Fischverkäuferin geboren; er überlebt den versuchten Mord seiner Mutter, das Leben als Findelkind bei einer Amme und die harte Arbeit als Hilfskraft bei einem Gerber. Ausgestattet mit einem absoluten Geruchssinn, ist er selbst ohne jeden Geruch, was ihn zum Außenseiter macht. Er beginnt, junge Frauen zu ermorden, um ihren Duft zu konservieren. Und er beschließt, der größte Parfumeur aller Zeiten zu werden. Während seiner Lehre lernt er, Düfte zu gewinnen und haltbar zu machen. Erst mit 25 Jahren wird ihm seine eigene Geruchslosigkeit bewusst und er entwickelt Menschenparfums, die er anwendet, um unerkannt zu leben – und zu morden. Im französischen Parfumzentrum Grasse tötet Grenouille 25 junge Frauen, um ihren Duft zu konservieren. Dieser Duft bewahrt den überführten Mörder schließlich vor dem Schafott. Am Tag der Hinrichtung erscheint er den Menschen in seiner „Duftmaske“ nicht als mordendes Scheusal, sondern als liebenswerter Mensch. Der faszinierende Roman wurde, 20 Jahre nach seinem Erscheinen, von Tom Twyker verfilmt, Premiere ist Mitte September.
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